 |
|
|
|
 |
hito steyerl - euroscapes |
 |
Es war Siegfried Kracauer, der in einem Text über Berliner Arbeitsämter vorschlug, Raumbilder als "Träume der Gesellschaft" aufzufassen, als Hieroglyphen, deren Entzifferung den "Grund der sozialen Wirklichkeit" freilege.(1) In der merkwürdigen Raumlogik des unbestimmten Raumes "Europa" erweisen sich viele dieser Raumbilder allerdings als paradoxe Echos, als Einfaltungen des Außen, als Ausfaltungen des Innen oder als Kulissen politischer Fiktionen, die in Spektakelarchitekturen produziert werden. So wirkt Europa – wie das paradoxe topologische Gebilde des Möbiusbands – als Raum, in dem sich die klassischen, durch den Cartesianismus kodifizierten Gegensatzpaare der Raumwahrnehmung von Oben und Unten oder Innen und Außen in ein seltsam heterogenes Kontinuum auflösen. Korridore, Exklaven, Enklaven, Sackgassen, Protektorate, cordons sanitaires, Warteräume oder militärisch-humanitäre Transitzonen sind Bestandteile dieser komplexen topologischen Konstellation. |
 |
 |
 |
Hito Steyerl, Shangai, Novi Sad, Jan. 2001,
Film-Still aus Euroscapes, 2003 |
 |
Das Projekt Euroscapes zum Hub MIGRATION beschreibt einige Aspekte dieses heterogenen Raumkontinuums. Es wirft einzelne Schlaglichter auf die Mikropolitik ganz verschiedener europäischer Räume, d. h. auf teils temporäre, teils permanente Raumformationen, in denen sich politische Konstellationen blitzartig zusammenziehen und verdichten. Dabei geht es um relativ alltägliche Räume, die meist keinen exponierten und krisenhaften Status in der jeweiligen Gesellschaft beanspruchen, sondern eher als Nebenschauplätze von Aushandlung und Kontakt – als Passagen – verstanden werden können. Anstatt einen reportagehaften oder kartografierenden Ansatz zu verfolgen, wird der These nachgegangen, dass mittlerweile jeder Ort Europas – wie die Punkte des paradoxen Möbiusbands – sein eigenes Außen integriert, und das Innen, das Außen und oft auch der Keim des Ausnahmezustands in jedem beliebigen Punkt eines ohnehin durch seine Undefinierbarkeit bestimmten europäischen Raumes koexistieren. Euroscapes zeichnet verschiedene Ausformungen solcher Räume nach und dokumentiert verschiedene Situationen in Ost- und Westeuropa, teils auch darüber hinaus. Für die 3. berlin biennale für zeitgenössische kunst werden exemplarisch vier Situationen ausgewählt und als Videoinstallationen präsentiert.
1. Politische Fiktionen: Brüssel
Das Europäische Parlament in Brüssel, jene Verbotene Stadt, die Nicht-Funktionsträgern nur in Ausnahmefällen zugänglich ist, stellt sich als architektonische Kompromissvorstellung zwischen einer überdimensionierten Sahnetorte und einem halb versunkenen Luxusdampfer, zwischen aufgeblasenen Art-Nouveau-Versatzstücken und dem Stilstandard eines ubiquitären postmodernen Bürokratismus dar. Von diesem Ort gehen wichtige Impulse für die Topologie Schengens aus. Hier werden die biopolitischen Szenarien kodifiziert, nach denen Migration verwaltet, blockiert, in Bewegung gesetzt, reguliert und verwahrt wird, ebenso wie die Raumlogiken weit entfernter Territorien hier festgelegt und produziert werden. Der Zugang zu diesem Gebäude wird durch eine Firma reguliert, die auch private Flüchtlingslager betreibt. Das Konsortium „Group 4“ bietet neben Wachaufgaben für das Europäische Parlament, neben Geld- und Gefangenentransporten sowie privaten Gefängnissen auch detention centres für Flüchtlinge in den Vereinigten Staaten, Puerto Rico, Südafrika, Neuseeland, Kanada und Curaçao mit einer Kapazität von etwa 40000 Betten an. Dieser Zustand der Koexistenz von Gegensätzen manifestiert sich jedoch auch in einer anderen Kategorie von Räumen, in denen sich verschiedene, eigentlich inkompatible Sphären vermischen. So existiert im Brüsseler Botschaftsviertel auch die Universelle Botschaft, ein von Sans-Papiers besetztes Botschaftsgebäude. In der gediegenen Villa vom Anfang des 20. Jahrhunderts war die Somalische Botschaft untergebracht bis der Staat Somalia durch interne Bürgerkriege endgültig zusammenbrach. Hier berühren sich zwei Arten von Räumen: Die aufgelassenen Wrackteile des „failed state“ Somalia in seiner bürgerlich-westeuropäischen Villenhülle überblenden sich mit einer politischen Fiktion die versucht, diesen Raum des Zusammenbruchs staatlicher Ordnung für MigrantInnen bewohnbar zu machen, die als politische, ethische und universelle Subjekte interpelliert werden.
2. Architektur des Spektakels: Thessaloniki / Porto Karras
Am 19. und 20. Juni 2003 fand in Thessaloniki / Porto Karras ein EU-Gipfel statt. Beschlossen wurden massive Erhöhungen des Etats für Abschiebung und Grenzschutz sowie die Ablehnung des Beitrittskandidatenstatus für die westlichen Balkanstaaten. In einer hermetisch abgeriegelten und zur mobilen Medienfabrik verwandelten Hotelanlage im Badeort Porto Karras wurden Territorien formatiert und neue Raumlogiken begründet – von der Verkündung einer neuen „Sicherheitsstrategie“ bis zum Vorhaben der „Externalisierung“ von Flüchtlingslagern. Die Untersuchung der Raum-Zeiten dieses Gipfels konzentriert sich auf die Produktion des europäischen Spektakels – sowohl auf der Seite ihrer Akteure als auch ihrer Gegner – in mobilen Festungen, in temporären Fabriken immaterieller Arbeit und ebenso transitorischen Bühnen urbaner Zerstörung. In einer Zeltstadt am Rand des Gipfels arbeiteten Tausende von Medienfachleuten an der Herstellung des Ereignisses. Erst hier, durch die unzählig oft wiederholten und rituell eingeübten Handgriffe der SpektakelarbeiterInnen, entstand die Inszenierung „Europa“, die in einer Festungskulisse aus Schlachtschiffen, Kampfhubschraubern, Tränengasschwaden, mit Containern verbarrikadierten Stränden und auf Berggipfeln fest installierten Kameras aufgeführt wurde. Auf der Via Egnatia in Thessaloniki, der alten Verbindungsstraße zwischen Rom und Byzanz, fand der zweite Teil des EU-Spektakels statt, ein Krawall internationaler Globalisierungsgegner, der durch seine Logik des Spektakels der Polit-Inszenierung in der beweglichen Festung des EU-Gipfels um nichts nachstand. Die Via Egnatia wurde früher auch die „Straße der Imperien“ genannt, da sie das Neue und das Alte Rom miteinander verband. Sie wurde als Militär- und Handelsstraße genutzt, auf der Menschen, Götter, Geschlechtskrankheiten, Ideologien, Reichtümer, Besatzer ebenso wie Ideen und Weltbilder zirkulierten. Die Zertrümmerung der Via Egnatia durch DemonstrantInnen und der Zusammenbruch ihrer Funktion spiegelt somit die Raumlogik des EU-Gipfels wider, auf dem die Fragmentierung der westbalkanischen Territorien in paradoxe und schwer passierbare Splitter- und Parastaaten zementiert wurde. |
 |
 |
 |
Hito Steyerl, Universal Embassy, Brussels, Juni 2003,
Film-Still aus Euroscapes, 2003 |
 |
3. „Global Shanghai“ (Hannover / Novi Sad)
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Darstellung eines utopisch-futuristischen Shanghai auf der Expo 2000 (u. a. die „Vision Shanghai“ von Siemens) in Hannover und kontrastiert die hypermodernen, von deutschen Firmenschildern gespickten architektonischen Traumbilder dieses mythischen Orts grenzenlosen Wirtschaftswachstums und kapitalistischer Expansion mit der Situation des vor allem von Roma bewohnten Stadtteils Shanghai (Sangaj) von Novi Sad (Serbien-Montenegro), der während des Nato-Bombardements 1999 Ziel zahlreicher Luftangriffe war. Das Shanghai in der Vojvodina hat seinen Namen durch ein mittlerweile geschlossenes Café erhalten, das von einem Chinesen gegründet worden sein soll.
4. Postindustrielle Leerstelle: Bavaria Place, Bradford
Dieser Teil von Euroscapes vollzieht eine genaue Lektüre eines Raumbildes namens Bavaria Place in Bradford, UK. Das Viertel Bavaria Place wurde Ende des 19. Jahrhunderts von deutschen, oft jüdischen Einwanderern des ehemaligen Zentrums der Textilproduktion in der Blütezeit des so genannten Manchesterkapitalismus begründet. Jetzt wird der Ort hauptsächlich von pakistanischen MigrantInnen bewohnt. Im Juli 2001 wurde dort ein Krawall durch die Rassisten der National Front provoziert, der vor allem von männlichen Migrantenjugendlichen ausging, und unter anderem nicht nur zur partiellen Zerstörung von Gebäuden in Bavaria Place, sondern auch des nahe gelegenen Labour Social Club führte, der bis auf die Grundmauern abbrannte. Dieses Verschwinden öffentlicher Räume spiegelt die dominante Logik der Deindustrialisierung. Auch die größte Fabrik der Stadt, in der nach einem gewaltsamen Streik einst die Labour Partei gegründet wurde, wurde stillgelegt. In den versperrten Fabrikhallen wachsen jetzt Bäume, so dass sie wie ein Hortus conclusus, ein verbotener und poetischer Garten wirken. Die Dreharbeiten für Euroscapes fanden während des Beginns des Krieges gegen Afghanistan statt, ein Umstand, der die Polarisierung von Sichtbarkeiten in einer ohnehin von den Medien ausschließlich als Hochburg von Fundamentalismus und Jugendkriminalität dargestellten Stadt noch steigerte. Die Koexistenz dieser Zonen von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit entspricht wiederum der Logik des Möbiusbands, das – keiner weiß warum – auch als „Afghan Band“ bezeichnet wird. Die medialen Räume, die sich auf diesem Afghan Band auf einer Fläche aneinander reihen, umfassen Zonen medialer Hypervisibilität so genannter „race riots“ ebenso wie Zonen domestizierter Unsichtbarkeit, in die viele Frauen verwiesen sind. Sie spiegeln die unharmonische Koexistenz der Gegensätze in einem postdialektischen und uneinheitlichen Raum wider, in dem Konflikte unilateral eingefroren werden.
Spielraum
Es ist jedoch noch eine andere Wendung dieser seltsamen Raumkonstellationen denkbar. In einem kleinen Traktat erwähnt Giorgio Agamben den Zustand der Dinge nach der Erlösung.(2) Deren Transformation durch die Erlösung sei jedoch nur ganz gering, so Agamben. Der Sinn und die Grenzen der Dinge würden nur geringfügig verrückt und ihre Veränderung finde gewissermaßen nur an ihrem Rand statt, in jenem Spielraum, der „zwischen dem Ding und ihm selber liegt“. Dieses Schillern der Ränder, das Zittern der Dinge über sich hinaus, sei die Aureole, der Zustand äußerster Singularität, der – in einer Situation, die als vollendet gedacht wird – aufs Neue eine Möglichkeit eröffnen soll. Ähnlich können wir jene weltweit allgegenwärtigen Ränder, an denen hegemoniale Räume sich verfehlen, ins Torkeln geraten, in sich zusammensacken und über sich hinausschießen, als solche Aureolen verstehen, von denen die Möglichkeit des Aufbruchs eines bleiernen Endes der Geschichte ausgehen kann.
Hito Steyerl
Symposium 8. April 2004, 20 Uhr
Heinrich Böll Stiftung, Hackesche Höfe, Rosenthaler Straße 40/41, 10178 Berlin
3. berlin biennale in Kooperation mit der Heinrich Böll Stiftung
weitere Infos unter www.boell.de
Credits
Mohamed Benzaouia, Dzevdet Berisa, Marcus Carney, kolektiv eimigracija, Aleksandra Djajic Horvath, Erdal Kaynar, Stefan Landorf, Misa Milosevic, Angela Melitopoulos, Stefan Nowotny, spacecampaign, Annette Seidl-Arpac und Boris Buden für Mitarbeit und Unterstützung bei der Erstellung der Videoarbeiten; Yasmina Dekkar für die Mitarbeit bei der Konzeption und Umsetzung des Hub und Filmprogramms; Kien Nghi Ha für Mitarbeit bei der Erstellung des diskursiven Rahmenprogramms sowie Christiane Erharter, Hedwig Saxenhuber und Georg Schöllhammer für Unterstützung bei der Produktion.
Anmerkungen
(1) Siegfried Kracauer: “Über Arbeitsnachweise” (1930). In: Straßen in Berlin und anderswo. Berlin 1987, S. 52.
(2) Giorgio Agamben: „Aureolen“. In: Die kommende Gemeinschaft. Berlin 2003, S. 51-55, hier S. 52 (ital. Original: Comunitá che viene. Turin 1990). Agamben übernimmt diese Figur der Erlösung von Walter Benjamin und Gershom Scholem. |
 |
|
|
 |
|