hub SONISCHE LANDSCHAFTEN

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the sonic team

Berlin besitzt ein dynamisches musikalisches Profil, das in der Tradition zu stehen scheint, sich in jedem Jahrzehnt aufgrund von Veränderungen in der Stadt und deren Strukturen durchgreifend zu erneuern. Man denke nur an die Goldenen Zwanziger, die Punkbewegung und HausbesetzerInnen-Szene der frühen Achtziger mit der Legendenbildung um das SO36 sowie in den Neunzigern an die Technoszene um WMF und Tresor mit dem alljährlichen Großevent der Loveparade zum einen und die Wohnzimmerszene zum anderen.

Der Hub SONISCHE LANDSCHAFTEN innerhalb der 3. berlin biennale für zeitgenössische kunst gibt nicht ein Gesamtbild der musikalischen und sonischen Tendenzen Berlins wieder, sondern nähert sich diesem Phänomen aus partikulär gewählten Blickwinkeln. Ein wesentlicher thematischer Baustein dieses Hub sind die Aktivitäten von Frauen in der elektronischen Musik und deren Repräsentation.

re-punk electronic music!
ausstellungsansicht KW 4

Berlin verfügt über eine vielseitige Musikszene, in der Frauen tonangebend und stilbildend beteiligt sind. Auffallend sind dabei die Strukturen – Musiklabels, Clubs, Festivals und anderes –, die Frauen initiiert haben, um sich eigene Distributionskanäle mit einem internationalen Wirkungsradius zu schaffen und sich durch Netzwerke unabhängig vom Mainstream-Musikbusiness positionieren zu können. Mit seiner musikgeschichtlichen Vergangenheit und seinen derzeit noch verhältnismäßig geringen Lebenshaltungskosten bietet Berlin hierfür die geeigneten Standortbedingungen.
Unter dem Motto „Re-Punk Electronic Music!“ wird zu diesem Themenkomplex als erster Veranstaltungsteil des Hub ein Raum eingerichtet, in dem mittels Plattencovers, Interviews, Texten und Videos Zusammenhänge zwischen historischen Ereignissen (etwa das Venus Weltklang Internationale Frauenrock Festival 1981), verschiedenen Bands (unter anderem Malaria!) und derzeitigen Aktivitäten einer sich über weite Genrefelder erstreckenden Labellandschaft (Chicks on Speed Records, Fatal-Recordings etc.) aufgezeigt werden. Besonderes Augenmerk wird dabei auf die Neubearbeitung des Feldes elektronischer Musik gelegt, auf dem seit geraumer Zeit hauptsächlich Frauen mit dezidiert performativen Ansätzen und unter Rückgriff auf die Ästhetik und Praxis des Punk die interessantesten Impulse geben und Geschlechterklischees dekonstruieren. Die Musikerin Kevin Blechdom zum Beispiel provoziert beim Publikum mit dramatisch überzogenen Gesten und einem an Musicals erinnernden Tonfall Empfindungen des Unangenehm-Berührtseins und trägt damit eine Emotionalität in die als maskulin-verkopft geltende Laptop-Szene hinein, durch die diese in ihrer Fixiertheit auf Ernsthaftes der Lächerlichkeit preisgegeben wird. Insgesamt sollen Kapitel der Musikgeschichte thematisiert werden, in denen Musikerinnen seit den siebziger Jahren – vom Punk über die Riot-Girl-Bewegung bis hin zur Gegenwart – Dekonstruktion, Subversion oder Affirmation als Strategien einsetzen, um die Geschlechterverhältnisse in der Musik auf den Kopf zu stellen, an einem Gegenentwurf zum männerdominierten Gitarren- und Computerspiel arbeiten und sich ihre eigene (feministische) Geschichte schreiben.

re-punk electronic music!
ausstellungsansicht KW 4

Einen zweiten thematischen Schwerpunkt des Hub SONISCHE LANDSCHAFTEN bildet die Auseinandersetzung mit Noise als widerständiger Praxis. Noise ist während der letzten zehn Jahre von Retro-Aufbereitungen relativ unberührt geblieben, findet aber zurzeit in den Kanälen der neueren elektronischen Musik als Referenzpunkt für Gruppen wie Autechre oder Pan Sonic neues Interesse. KünstlerInnen wie Merzbow verweigern sich mit einem unüberschaubaren Output jeglicher Verwertungslogik der Musikindustrie und deren marktkonformer Veröffentlichungspolitik, die nicht mehr als ein Album und eine Handvoll Singles alle zwei Jahre zulässt, und machen damit zugleich eine für SammlerInnen erzielbare und überschaubare Vollständigkeit unmöglich.
Auch geht es in diesem Zusammenhang um die Frage, inwiefern eine Ästhetik der radikalen Verweigerung in der heutigen verästelten Subkulturszene mit ihren ausdifferenzierten Nischen noch eine relevante Position darstellt. Diese Haltung bezieht sich auf Lou Reeds Metal Machine Music zurück, eine Platte, die 1975 mit reinen Feedbackschlaufen auf Industriezwänge reagierte und alsbald in der Formation Throbbing Gristle mit deren Motto „Industrial Music for Industrial People“ eine Entsprechung im Independent-Sektor der späten Siebziger finden sollte. Dass Gruppen wie Throbbing Gristle nach wie vor unter diesen Gesichtspunkten als Referenz herangezogen werden, zeigt die kürzliche Veröffentlichung einer 24-CD-Live-Box, die in ihrer Materialüberfülle beinahe an die Merzbox von Merzbow mit ihren fünfzig CDs heranreicht.

In dieses Spannungsfeld fallen auch zwei Folgen der Filmreihe Lost in Music, die zum Programm der berlin biennale gehört. Zum einen dokumentieren Christoph Dreher und Rolf S. Wolkenstein, die den Berliner Underground der letzten zwanzig Jahre als unabhängige Filmemacher begleitet haben, Berlins Geniale-Dilletanten-Bewegung Anfang der achtziger Jahre, zum anderen porträtieren die beiden als Regisseur und Produzent die zehn Jahre später erwachende Technoszene zwischen Aufbruchsstimmung und ersten Ausverkaufsvorwürfen. Beide für Berlin typischen Phänomene werden so vorgestellt, dass entscheidende historische Paradigmenwechsel innerhalb der Subkulturszene deutlich werden, zugleich aber werfen die Filme Fragen nach dem Status quo auf: Wo liegen die Unterschiede zur Situation vor zehn Jahren, und wo brechen derzeit gerade Strukturen auf?

Kooperationen mit dem freien Radioprojekt reboot.fm, auf dessen Frequenz an der berlin biennale beteiligte KünstlerInnen wie Merzbow, Florian Hecker oder Mika Vainio zeitweise das Programm machen werden, und ein seltener Liveauftritt des finnischen Elektronikpioniers Erkki Kurenniemi gemeinsam mit Pan Sonic und Carl Michael von Hausswolff in Kooperation mit MaerzMusik, dem Festival für aktuelle Musik der Berliner Festspiele, auf Originalcomputern der siebziger und achtziger Jahre sind zusätzliche Schnittpunkte auf den Achsen der SONISCHEN LANDSCHAFTEN.

Abgesehen von diesen angekoppelten und kooperativen Events in den Formaten Film, Rundfunksendung und Festspielbeteiligung bildet den eigentlichen zweiten Veranstaltungsteil des Hub eine in den KW stattfindende dreitägige Performance Jam, welche beide untersuchten Felder, Frauen in der Berliner Musikszene und Noise, in Form von Liveperformances und Jamsessions auf die Bühne bringen und in Überschneidung mit dem Hub MODEN UND SZENEN neue Allianzen zwischen Independent-Modelabels wie ___fabrics interseason oder Embodiment und MusikerInnen initiieren wird.


The sonic team:

Teil 1: Re-Punk Electronic Music!: Verantwortlich Christiane Erharter in Zusammenarbeit mit Sonja Eismann

Teil 2: Performance Jam: Verantwortlich Ute Meta Bauer, Sonja Eismann, Christiane Erharter, Max Freudenschuß, Renate Wagner; mit Dank für die Beratung an Christoph Gurk.

radiosendung auf borderline extra, freies radio kassel, zum hub SONISCHE LANDSCHAFTEN (mit real audio-stream)

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