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mark nash |
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Bei der 3. berlin biennale für zeitgenössische Kunst geht es um Reflexionen über die Neustrukturierung von Berlins urbanem und psychologischem Gefüge. Der Hub ANDERES KINO präsentiert im KW Institute for Contemporary Art und, in Zusammenarbeit mit den Freunden der Deutschen Kinemathek, im Kino Arsenal am Potsdamer Platz eine Auswahl filmischer Praktiken. Neben den Filmvorführungen finden auch Diskussionen mit FilmemacherInnen und KulturkritikerInnen statt, die historische Hintergrundinformationen liefern und Zusammenhänge zur zeitgenössischen Kunst und Gesellschaft herstellen.
Der Begriff „Anderes Kino“ kam in den sechziger Jahren im Zusammenhang mit dem politischen Projekt der Unabhängigkeitsbewegung der Dritten Welt auf; danach wurde er weiter gefasst und bezeichnete ein großes Spektrum ästhetischer und politisch oppositioneller Filmpraktiken. In diesem Sinne präsentieren auch einige der anderen Hubs „andere“ Kinos, der Hub ANDERES KINO aber hat einen speziellen Schwerpunkt: Er möchte ein breiteres Verständnis für den kritischen Realismus der ostdeutschen Kino- und Kunstpraxis vermitteln. Die kürzlich in der deutschen Presse geführte „Ostalgie“-Diskussion ist Teil des momentanen Prozesses einer kulturellen und psychologischen Wiedervereinigung – ein Problem, das sehr viel komplexer ist als die rein politische oder demografische Wiedervereinigung. Es gab in Ostdeutschland eine aktive und produktive Kunst- und Filmszene, die 2003 in der Ausstellung Kunst in der DDR in der Neuen Nationalgalerie in Berlin vorgestellt wurde. Bisher wurde den vom Sozialismus geprägten ästhetischen Praktiken des Ostens sehr wenig Interesse entgegengebracht. Das gilt insbesondere für deren Interaktion mit avantgardistischen Praktiken, ein Gebiet, das wir durch die Untersuchung der Arbeiten von DokumentarfilmregisseurInnen wie Jürgen Böttcher weiter erforschen wollen.
Die Tatsache, dass es in Ostdeutschland außerhalb der offiziellen Filmstudios in Babelsberg (DEFA) und Adlershof (Fernsehen der DDR) eine florierende Subkultur gab, ist weithin unbekannt. Wie in dem von Karin Fritzsche und Claus Löser herausgegebenen Buch Gegenbilder nachzulesen ist, streute diese sehr aktive Subkultur beharrlich Sand ins Getriebe der Bürokratie und praktizierte einen ästhetischen Ungehorsam auf ungewöhnlich hohem Niveau.(1) Die Folge der Ausweisung Wolf Biermanns im Jahr 1976 war der „Biermann-Schock“ – die Flucht vieler Menschen in den Westen, darunter KünstlerInnen, SchriftstellerInnen und FilmemacherInnen. Auf der anderen Seite beflügelte dies auch die Entwicklung oppositioneller Subkulturen durch KünstlerInnen und AktivistInnen, die nicht länger an die Möglichkeit einer Repräsentation innerhalb des Systems glaubten. Im Osten entstand eine aktive Super-8-„Underground“-Szene, und wir zeigen eine Auswahl der Arbeiten dieser KünstlerInnen, die sich ohne staatliche Sanktionen der verschiedensten Stile der Moderne und der Avantgarde bedienten.
Wenn wir uns auf Ostberlin als Filmstadt konzentrieren, so geschieht dies mit bewusster Akzentsetzung: weg von Westberlin mit seiner Berlinale, seinen Film- und Fernsehakademien und dem DAAD, der von jeher ausländische KünstlerInnen nach Berlin brachte.
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Die Mauer, von Jürgen Böttcher, DDR 1990 |
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Ein Schlüsselthema und sozialer Schwerpunkt des Hub ANDERES KINO ist die Beschäftigung mit Leben und Kultur von Schwulen und Lesben in Ostdeutschland. Hier ist das Spiel mit dem Wort „anders“ – einer der zuerst von Magnus Hirschfeld in Berlin systematisch untersuchten sexologischen Termini für schwule und lesbische Sexualität – in dem DDR-Dokumentarfilm Die andere Liebe (1988) beabsichtigt. Der freiheitliche Aspekt des frühen Kommunismus der Sowjetunion ließ es zu, dass mit „anderer Sexualität“ damals großzügiger umgegangen wurde als im Westen, aber mit dem Aufkommen der reinen Lehre unter Stalin kehrte sich diese Situation um. In ähnlicher Weise mussten ostdeutsche IdeologInnen in den fünfziger Jahren mit den Widersprüchen kämpfen, die in der fortgesetzten Diskriminierung einer von den Nationalsozialisten verfolgten Minderheit lagen. Während die DDR sich entschloss, die NS-Version des Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch aufzuheben und sie durch eine weniger drakonische Version von vor 1935 zu ersetzen, weigerten sich – wie Rainer Herrn in seiner Wanderausstellung des Goethe-Instituts 100 Jahre Schwulenbewegung in Deutschland 1997 gezeigt hat – einige der westlichen Bundesländer, dies zu tun, obwohl sie vom Alliierten Kontrollrat dazu angehalten wurden. In der späteren Nachkriegszeit errang dann die Schwulenbewegung in Westdeutschland viele wichtige Siege. Der Hub ANDERES KINO beleuchtet jedoch die verschiedenen Erfahrungen von Menschen, die im Osten lebten.
Heiner Carows Film Coming Out (1989) ist hier emblematisch – ein Produkt vieler Jahre der Diskussion in der ostdeutschen Gesellschaft, wie man die Erfahrungen der Homosexuellen im Osten anerkennen und darstellen könne. Dass der Film herauskam, war ein Zeichen für den neuen Liberalismus, den die Perestroika ausgelöst hatte. Das Erscheinen des Films wurde aber überlagert durch den Fall der Mauer und den unerwarteten Zusammenbruch des „real existierenden“ ostdeutschen Sozialismus. Wir präsentieren diese und andere dokumentarische und fiktionale Darstellungen von FilmemacherInnen beiderseits der Grenze, darunter auch Wieland Specks Westler (1985), der mit versteckter Kamera in Super-8 auf Ostberliner Straßen gedreht wurde und die Schwierigkeiten einer homosexuellen Beziehung schildert, die durch die Mauer getrennt war. Außerdem zeigen wir Filme von Rosa von Praunheim, dessen Film von 1970 Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt für die Gründung der neuen westdeutschen Schwulenbewegung eine wesentliche Rolle spielte. Quasi über Nacht bildeten sich mehr als 50 politisch motivierte Schwulengruppen, nachdem der Film in vielen Klein- und Großstädten Westdeutschlands angelaufen war. Dass er dann 1973 im westdeutschen Fernsehen gesendet wurde, war ein wichtiges Ereignis für ostdeutsche Schwule und förderte die politische Aktivität und den künstlerischen Ausdruck, so zum Beispiel in den theatralischen Super-8-Filmen von Gino Hahnemann. Von Praunheim setzte sich auch für die Veröffentlichung der Arbeit des bekannten ostdeutschen Transsexuellen Charlotte von Mahlsdorf ein, die mit viel Liebe das Interieur der berühmten traditionsreichen Berliner Kneipe Mulackritze konserviert hatte. Weiterhin zeigen wir bisher unveröffentlichte ostdeutsche Dokumentarfilme, die sich mit diesen Themen beschäftigen, sowie persönliche Dokumente aus dieser Zeit. |
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Westler von Wieland Speck, BRD 1985 |
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In der Filmkultur sind nur wenige Spuren lesbischen Lebens in Ostdeutschland zu finden. Die offizielle ostdeutsche Ideologie förderte aber die Frau als Arbeiterin, und einige „offizielle“ Filme jener Zeit beschäftigen sich mit den Konflikten, denen die Frauen der Arbeiterklasse ausgesetzt waren, wenn sie zwischen Arbeit und Familienpflichten hin- und hergerissen wurden. Solo Sunny (1980) ist einer der berühmtesten dieser Filme, die vor dem Zusammenbruch des ostdeutschen Staates und seines cineastischen Apparats produziert wurden. In seinem Mittelpunkt steht Sunny, eine Sängerin, die das konventionelle Leben mit ihrem Freund zu Hause in einem Ostberliner Bezirk aufgibt, um mit einer Band durchs Land zu tingeln. Der Film spiegelt auch die Diskurse der Frauenbewegung und Gegenkultur wider, die vom westlichen Kino der sechziger und siebziger Jahre her geläufig sind.
Im Rahmen des Hub ANDERES KINO wird auch eine Reihe von KünstlerInnen der 3. berlin biennale vorgestellt. Isaac Juliens Film Looking for Langston (1989) erkundet und zelebriert die Sehnsüchte schwarzer Schwuler in der Harlem-Renaissance und im Werk des Dichters Langston Hughes. Dieser Film wurde auf der Berlinale von 1989 gezeigt und sofort von Manfred Salzgeber, einem wichtigen Cineasten und Aktivisten der Schwulenbewegung, in den deutschen Verleih gebracht. Salzgeber setzte sich während der Wendezeit aktiv für das schwule und lesbische Kino im Osten ein. Sein Beitrag wird im Filmprogramm der berlin biennale gewürdigt.
Als Protagonistin des Neuen Deutschen Films braucht Ulrike Ottinger speziell dem Berliner Publikum nicht vorgestellt zu werden. Ihr monumentales Erzählkino bleibt immer der Bemühung um das avantgardistische Experiment verpflichtet und bezieht oft lesbische Thematiken ein. Kulissen und Kostüme ihrer Filme, die auch Gegenstand ihres fotografischen Werkes sind, spiegeln das Entstehen einer lesbischen Kultur in Berlin wider. Filme aus ihrer Berlin-Trilogie sowie ihr Film Countdown (1990), der während der Wendezeit gedreht wurde, werden zur berlin biennale gezeigt.
Der Hub MIGRATION, von Hito Steyerl unter dem Titel Euroscapes erarbeitet, widmet sich unter anderem experimentellen und unabhängigen Filmen und Videos, die verschiedene Prozesse von Migration beziehungsweise den Austausch zwischen Berlin und anderen Orten beleuchten. Zu diesen Filmen gehört Dusan Makavejevs Gorila se kupa u podne (Gorilla Bathes at Noon, 1993), der von einem zurückgelassenen Offizier der Roten Armee handelt, der nach dem Fall der Mauer durch Berlin irrt – eine postkommunistische Odyssee. Oder Zelimir Zilniks halb-dokumentarische Studie Kenedi se vraca kuci (Kenedi kommt nach Hause, 2003) über Roma, die aus Deutschland abgeschoben wurden – ein Film, der in der Tradition des unabhängigen und essayistischen Kinos steht. Der Hub URBANE KONDITIONEN, der von Jesko Fezer und Axel J. Wieder erarbeitet wurde, präsentiert unter anderem Interviews zu Berlin-spezifischen urbanen Themen, die speziell für die 3. berlin biennale geführt wurden.
Mein ganz besonderer Dank gilt Stefanie Schulte Strathaus, Programmkuratorin am Kino Arsenal/ Freunde der Deutschen Kinemathek e.V. für ihren Enthusiasmus und ihre unschätzbare Unterstützung sowie Yasmina Dekkar und Matthias Sohr.
Mark Nash
Anmerkung
(1) Karin Fritzsche und Claus Löser (Hg.): Gegenbilder. Filmische Subversion in der DDR 1976-1989. Berlin 1996. |
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